Kapitel in diesem Thema:

Einleitung, Allgemeines

Über Menschen, die auf Fuerte leben und arbeiten...

Marco Buonocore

Interview mit Marco Buonocore von Discover Fuerteventura Individual Tours...

Jürgen Hönscheid

Interview mit Jürgen Hönscheid von Northshore Surf Shop in Lajares, Fuerteventura...

Tobias Stark

Interview mit Tobias Stark vom Freshsurf Surf Shop in El Cotillo, Fuerteventura...

Northshore Surf Shop

Interview mit Jürgen Hönscheid

Der Northshore Surf Shop in Lajares, im Norden Fuerteventuras wurde 1998 von Ute und Jürgen Hönscheid gegründet. Wir hatten die Gelegenheit, mit Jürgen Hönscheid, wenn man so möchte dem 'Oberhaupt' einer Surf-Familie ein Emailinterview zu führen. Es ist für uns interessant gewesen, jemanden, der die Hotspots des gesamten Planeten vermutlich wie seine Westentasche kennt, zu seiner Sichtweise zu Fuerteventura und natürlich zu seinem Leben auf Fuerte zu befragen.

Jürgen Hönscheid beim board shaping.

fuerteinfo:
Du hast schon früh mit dem Surfen angefangen. Wie kamst Du dazu?
Jürgen:
1966 stand ich als kleiner Junge im Alter von 12 Jahren immer auf der Kurpromenade in Westerland/ Sylt und beobachtete die Brandung, die brechenden Wellen. Diese Naturgewalten faszinierten mich unglaublich. Eines Tages sah ich dort die ersten Surfer, die die Wellen abritten und von da ab wusste ich, das ist mein Ding. Das wird einen grossen Platz in meinem Leben einnehmen. Zuerst baute ich mir eine Luftmatratze um und verstärkte sie an den Seiten mit Besenstilen, um darauf aufstehen zu können. Doch meine Konstruktion hielt den rauhen Wellen nicht stand: Als ich dann eines Tages sehr geknickt mit genauso geknicktem Gummi/ Holzmaterial am Rettungsschwimmer Stand vorbeilief, hatten meine Idole wohl Mitleid und liehen mir zukünftig ihre richtigen Surfboards. Ich bekam allerdings die Auflage, nicht zu rauchen. Das habe ich bis zum heutigen Tag befolgt wohl immer mit der unterschwelligen Angst, jetzt kein Brett mehr zu bekommen. 1973 kam dann das Segel dazu. Ich sah die ersten Windsurfer auf Sylt, die Bretter auf ihren Luxuskarossen. Rentnersport, dachte ich zuerst, aber nach dem ersten Ausprobieren wars um mich geschehen. Zudem hatte ich das Glück, den europäischen Windsurf Pionier Calle Schmidt als Freund und Ausbilder zu haben. Das sollte dann der Start für eine erfolgreiche Windsurf Pro Karriere werden.

fuerteinfo:
Warum hast Du Fuerteventura zur Heimat für dich und deine Familie gemacht und einen eigenen SurfShop mit Boardmanufaktur eröffnet?
Jürgen:
Wir hatten bereits einen Surfshop und Brettwerkstatt auf Sylt. Allerdings träumte ich immer davon, an einem Platz zu wohnen, an dem das ganze Jahr über sommerliche Temperaturen den Spass am Wassersport noch erhöhen. Wo zudem des öfteren richtige Swells, geordnete Wellen an die Küsten brechen im Gegensatz zu der oft chaotischen Nordseewelle. Auf Fuerte hatten unsere 3 Töchter im Sommer dreieinhalb Monate Ferien, da sind wir oft nach Sylt zurück. Hätten wir unsere Geschäfte auf Sylt weitergeführt, hätten wir im Sommer nicht weggekonnt, da dann dort die geschäftliche Hauptsaison ist. Im Winter wären wir auf die kurzen Weihnachts- oder Herbstferien angewiesen gewesen- Fuerte ist für unseren momentanen Lebensstil einfach ideal.

fuerteinfo:
Was macht für Dich und deine Familie Fuerteventura aus?
Jürgen:
Als wir 1981 das erste Mal nach Fuerte kamen, gab es diese Sammelflüge. Und an Board der Maschine konnte man genau sondieren, wer wohin wollte. Die Partyfraktion zog es nach Gran Canaria, die Outdoor Fanatiker mit Rucksäcken und Wanderstiefeln stiegen in Fuerte aus. Fuerteventura: "grosses Abenteuer", grosses Glück" oder "Starker Wind". Bei der korrekten Übersetzung sind sich die Experten nicht einig. Aber alle 3 Varianten machten uns neugierig und sie bewahrheiteten sich für uns. Dieser Kontrast von ocker/braun Tönen im Gegensatz zum stahlblauen Himmel oft mit den weissen Passatwolken, dazu das türkise Meer und die langen Sandstrände. Weil wir schon in so frühen Jahren auf der Insel waren, konnten wir uns ein Haus direkt am Meer sichern. Wir geniessen jedenTag neu. Uns ist auch die einheimische Bevölkerung ans Herz gewachsen, wir mögen die Canarios und speziell die Majoreros sehr.

fuerteinfo:
Vermisst Du Deutschland bzw. Sylt?
Jürgen: Gelegentlich vermissen wir Sylt schon. Sylt ist genau wie Fuerteventura in unseren Augen etwas ganz besonderes und einmaliges. Und so sind wir auch jedes Jahr öfters dort zu finden, haben ja auch immer unser Haus dort behalten. Unsere älteste Tochter Bitsy lebt dort mit ihren 2 kleinen Töchterchen, Sylt ist und bleibt für uns unsere Heimatinsel.

fuerteinfo:
Teilen alle Deine Familienmitglieder die selbe Surfleidenschaft wie Du sie hast?
Jürgen:
Tochter Sonni (27) ist 10-fache Deutsche Meisterin, hat auch an vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen. Sie kommt gerade aus Südafrika, fliegt Mitte April für einen Bootstrip nach Indonesien, um die Wellen dort zu surfen. Dann im Juni wieder mit dem Boot in den Malediven auf Surfsafari, im August dann nach Costa Rica- was für ein Leben! Sonni ist auch eine sehr gute Windsurferin. Janni(18) hat gerade die Schule höchst erfolgreich abgeschlossen mit den besten Noten. Sie hat sich ein Jahr Auszeit genommen, um nur zu surfen und zu reisen. Sie hat auch schon gute Wettbewerbresultate: 2008 dritter Rang bei den Deutschen Meisterschaften im Longboard, Gewinn des"Circuito Canario" in Cotillo. Janni macht nebenbei Modeljobs für verschiedene Zeitschriften und Kataloge. Bitsy (30) war gerade für 4 Monate mit ihren beiden kleinen Töchterchen hier. Ja, meine Frau Ute und ich sind schon Grosseltern! Ute hat dann immer auf die Kleinen aufgepasst, wenn die surfverrückte Bitsy jeden Tag für ein paar Stunden aufs Wasser ging. Mein Frau Ute geht sehr gerne joggen und das Beste - sie macht auch dann mal den Laden, wenn wir sonst alle bei besonders guten Wellen auf dem Wasser sind!

fuerteinfo:
Wo sind Deiner Meinung nach die besten Spots auf Fuerte?
Jürgen:
Zum Windsurfen: Sotavento oft mit Flachwasser besonders im Sommer mit hoher Windbeständigkeit, aber dieser oft extrem starke ablandige Wind dort ist nicht jedermanns Sache. Hier im Norden in Corralejo Bucht ist es gut für Crossings zu der kleinen etwa 5 Kilometer entfernten Insel Lobos. Ein sehr gutes Einsteiger Revier ist auch der Flagg Beach, manchmal gib es dort auch Wellen, an die man sich auch als Neuling ganz gut herantasten kann. Wellen Experten kommen am Glass Beach, Cotillo oder am Punta Blanca auf ihre Kosten.
Zum Surfen: an der Nordküste gibt es zahlreiche Spots. In Cotillo, am Rocky Point und am Glass Beach je nach Wind/Wellenlage. Im Süden in La Pared und am südlichsten Zipfel Fuertes gibts auch gute Bedingungen.
Sehr wichtig ist beim Surfen wie auch beim Windsurfen: man sollte die Verhaltensregeln insbesondere die Vorfahrtsregeln auf dem Wasser kennen. Sich nicht selbst überschätzen und als Einsteiger nicht an zu anspruchsvollen Plätzen rausgehen, wenn man dort nur eine Gefahr für sich und andere darstellt. Lieber mal die einheimischen Surfer fragen, wenn man sich seiner Sache nicht so sicher ist.

fuerteinfo:
Du bist ehemaliger Wind-Surfprofi. Nimmst Du noch aktiv an Wettbewerben teil, würde es Dich reizen teilzunehmen?
Jürgen:
Mit meinen jetzt schon fast 55 Jahren reizen mich Wettbewerbe nicht mehr so richtig. Ich habe mir da alles bewiesen, habe Worldcups gewonnen und mit dem berufsmässigen Sport abgeschlossen. Ich bin jetzt eher der Soul-Windsurfer und -Surfer. Gehe raus, wann es mir Spass macht und geniesse die Schönheit und dieses einmalige Gefühl dieser Sportarten umso mehr, ganz ohne den Contest Druck. Und nebenbei, ich kann jetzt wesentlich mehr Zeit auf dem Wasser verbringen als zu meiner aktiven Laufbahn. Wo es oft Händlermeetings, Messen, und diverse Verpflichtungen gab, Reisen und Warten auf Wind an den verschiedenen Worldcup Austragungsorten nahmen viel Zeit in Anspruch.

fuerteinfo:
Wie kamst Du zu der Idee Boards zu bauen?
Jürgen:
Ich habe während meiner aktiven Laufbahn immer wieder Boards von international bekannten Shapern bekommen, Leute , die in Handarbeit massgefertigte Bretter bauen. So stand ich zum Beispiel auf Hawaii des öfteren in so einem Shaperaum und gab meine Anweisungen zu meinen Wunschbrettern: Hier noch ein bisschen runder, dort weniger Volumen. Es juckte mich als handwerklich begabte Person immer mehr in den Fingern, die Details selbst in den Schaum zu hobeln und zu schleifen. Ich habe dann selbst meine Boards gebaut. Bekannte Windsurf- Serienmodelle habe ich designed und einige meiner erfolgreichsten Wettbewerbsbretter entstanden mit meinem Elektro-Hobel.

fuerteinfo:
Bietet Ihr auch Surfkurse. Zum Beispiel für Anfänger oder Leute die seit 20 Jahren nicht mehr auf dem Brett standen?
Jürgen:
Wir haben uns rein auf den Verkauf von allen Artikel rund ums Surfen/ Windsurfen bis hin zu Surfmode und der Anfertigung von massgeschneiderten Windsurf- und Wellenreitboards spezialisiert. Ute und die Mädels (wenn nicht gerade auf Reisen) sind vorn im Shop. Es macht ihnen immer sehr viel Spass, da viele Surfer aus allen erdenklichen Ländern vorbeischauen, oft interessante Geschichten auf Lager haben. Hier kann sich auch jeder Tips zu den täglichen Bedingungen holen oder Fragen zur Ausrüstung stellen. Ich hingegen geniesse morgens meinem Shaperaum und nachmittags gehts dann aufs Wasser, manchmal ist auch schon eine Morgen Surfsession drin. Surfkurse bieten wir im Moment jedenfalls nicht an.

fuerteinfo:
Auf Eurer web site gibt es einen shopeigenen northshore song. Wer hat dem Song seine Stimme gegeben, wer hat ihn komponiert?
Jürgen:
Das waren 2 Hawaiianer und die haben ja dort auch einen Northshore, was ganz gut passte. Die Jungs nennen sich Ka'au Crater Boys und der Song ist von ihrer CD "On Fire".

fuerteinfo:
Du hast ein Buch mit dem Titel: 'Mein Arbeitgeber ist der Wind' geschrieben. Was bewog Dich dazu dein Leben nieder zu schreiben?
Jürgen:
Oft fragten mich meine Töchter, wie es denn so war in den Anfangsjahren des Windsurfens und Surfens. Was ihr Vater und die anderen "Steinzeitsurfer" so alles veranstaltet haben. Oft haben wir auch mit Freunden und Bekannten alte Geschichten ausgetauscht und der Tenor war eigentlich immer: schade, dass das keiner aufschreibt. Ich habe schon etliche Artikel verfasst, meistens für Fachmagazine wie zum Beispiel für das Windsurfingjournal oder Free Magazin herausgegeben vom Terra Oceanis Verlag in Kiel. Dessen Inhaber und Herausgeber Alexander Lehmann war sofort total begeistert von meinem Buchprojekt. Dieses Buch ist auch eine Widmung an die Personen, die oft wichtige Stationen in meiner Laufbahn waren und durch die ich auf den richtigen Weg kam. Selbst für Aussenstehende ist es lesenswert, da sie hier einen tiefen und authentischen Einblick in die Surfszene erhalten und die vielleicht dann besser verstehen.

fuerteinfo:
Du bist (Ex) Wind-Surfprofi, Besitzer vom Surfshop Northshore, Boardbauer, Buchautor. Was kommt als nächstes?
Jürgen:
Ich mache nie langfristige Planungen, das Schicksal bestimmt sowieso, wo´s langgeht. Ich bin mit meiner Familie und den momentanen Umständen absolut zufrieden und dankbar, so leben zu können. Eigentlich bin ich wunschlos glücklich und hoffe, noch möglichst lange die eine oder andere Welle abzubekommen.

Das war ein sehr erfrischender Einblick in Dein/Euer Leben auf Fuerteventura. Herzlichen Dank, dass Du die Zeit gefunden hast unsere Fragen so ausführlich zu beantworten. Es hat Spass gemacht!

Weitere Informationen und auch ein paar Fotos von Northshore Fuerte haben wir im Bereich 'Einkaufen und Shopping' als besondere Empfehlung bereitgestellt. Auf der web site des Northshore Fuerte Surf Shops gibt es neben ausführlichen Details zu Shop, Angebot und Location sehr viel weiteres Lesenswertes.